Über
den Autor
- 1819-1890, schweizer Autor
-
1834 Beginn einer Ausbil- dung als Kunstmaler
- 1840 Eintritt in die
König- liche Akademie der Künste in München
- 1842 Rückkehr
nach Zü- rich und Wechsel zur Schreiberei
- trifft Ferdinand Freilig-
grath und Ludwig Feuer- bach - wird Anhänger re- volutionärer
Ideen
- schreibt sogar revolutio- när gesinnte Gedichte nach Art
der Dichter des Vor- märz
- ab 1850 als freier
Schriftsteller tätig
- 1861-1876 Staatsschrei- ber im Kanton Zürich
Gottfried
Keller
Romeo
und Julia auf dem Dorfe
Novelle
Gottfried
Keller (1819-1890) war ein herausragender Novellendichter. Mehrere Bände,
die ausschließlich diese Erzäh- lungsform enthielten, veröffentlichte
der schweizer Autor. 1856 erschien der erste Band der Novellensammlung
"Die Leute von Seldwyla", aus der "Romeo und Julia auf
dem Dorfe" stammt.
In einem Dörfchen vor dem Städtchen
Seldwyla leben der Bauer Marti und der Bauer Manz. Beide sind sie vierzigjährig,
sind verheiratet, haben jeweils ein Kind. Manz' Kind heißt Salomon,
Sali genannt, ist ein siebenjähriger Junge. Marti hat eine Tochter
namens Vrenchen, fünfjährig.
Die Ausgangssituation der
beiden Bauern ist also ähnlich, ja fast gleich. Beides sind auch
angesehene, da fleißige und ordentliche Bauern.
Vor dem Dorfe,
unweit des Flusses, liegen drei Ackerstreifen nebeneinander. Manz und
Marti haben jeweils einen der äußeren gepachtet. Der mittlere
Acker liegt seit zwanzig Jahren brach, ist übersät von Unkraut
und Steinen, die die Bau- ern von ihren Äckern auf den mittleren
warfen. Wen der Unkrautacker gehört, weiß keiner so genau.
Einst gehörte er einem Manne, der ihn aber verließ und in
die Welt als Trompeter hinauszog. Dieser Trompeter starb, ohne rechtlich
anerkannte Erben hinterlassen zu haben. Nur ein Geiger erhob Anspruch.
Dieser hat zwar eindeutige Ähnlichkeiten mit dem Verstorbenen,
besitzt aber keine Papiere und so kann er seine Ansprüche nicht
belegen. Manz und Marti hatten auch kein Interesse daran, diesen Mann
zu helfen. Die Stadt bot beiden den Acker zur Pacht an. Beide lehnten
ab. Aber begierig auf den Acker waren sie schon. Daher stiebitzte jeder
jedes Jahr sich eine Furche, sodass der Acker in der Mit- te immer schmaler
wurde. Eines Tages beschlossen die Amtsmänner von Seldwyla den
mittleren, inzwischen unrecht- mäßig geschrumpften Acker
zu versteigern. Beide Bauern boten nun für das Reststück und
überboten sich immer wieder. Den Zuschlag bekam letztlich Manz.
Und da Marti sich zuletzt noch eine kleine Ecke vom mittleren Acker
"genehmigt" hatte, kam es nun zum Zerwürfnis. Denn Manz,
der durchaus den Furchenklau der Vorjahre akzeptierte, forderte diese
kleine Ecke nun zurück. Marti weigerte sich. Sie zogen vor Gericht
und prozessierten viele Jahre um dieses unbedeuten- de Stück, auf
dem inzwischen alle Steine angehäuft waren. Martis Frau starb während
dieser Zeit und Manz' Frau wurde ein Hausdrachen, der aber das Söhnchen
Sali vorne bis hinten verwöhnte. - Durch den Streit wurden die
Kinder natür- lich voneinander ferngehalten und zum gegenseitigen
Familienhass erzogen.
Die Jahre gingen ins Land. Manz verlor sein
Haus und allen Besitz und zog mit seiner Familie nach Seldwyla, um dort
als Wirt sein Glück zu machen. Aber er scheiterte auch hier. Versank
immer weiter, sodass er am Ende, um etwas zu Essen zu haben, Fische
fangen ging mit seinem Sohn. Bei einem solchen Fischfanggang begegnete
ihn plötzlich am gegenüber- liegenden Ufer Marti mit seiner
Tochter Vreni. Sali war inzwischen 19 Jahre alt und Vrenchen 17. Auch
Marti war in- zwischen so tief gesunken, dass er Fische fangen musste.
Beide beschimpften sich über den Fluss hinweg. Auf einem Steg,
der den Fluss überspannte, kam es dann zu einer Rauferei. Sali
und Vrenchen waren auch involviert, aber sie trennten die beiden Raufbolde
und ihre Hände berührten sich. Wie ein Blitz durchzuckte es
die jungen Menschen, ihre Liebe zueinander entflammte neu. Aber: Welche
Zukunft hat eine solche Liebe, wenn die Elternhäuser verfeindet
sind?
Sali ging Vrenchen nicht mehr aus dem Kopf und Vrenchen erging
es andersherum genauso. Sali konnte nicht anders, er geht zu Vrenchen.
Gemeinsam verbringen sie ein paar vergnügte Stunden auf den alten
Acker. Dabei begegnet ihnen der Geiger, der den beiden seine Geschichte
erzählt und ihnen Unglück vorhersagt. - Als Sali und Vrenchen
wieder ins Dorf zurückkehren wollen, steht plötzlich Vrenchens
Vater da. Es kommt zur Schlägerei zwischen Sali und Marti und Sali
schlägt mit einem Stein auf Martis Kopf. Der verliert das Bewusstsein
und als er wieder erwacht, ist er verblödet. Letztlich landet er
in einer staatlichen Anstalt. Vrenchen muss nun auch vom Hof. - Sali,
der zusammen mit Vrenchen
das Geschehene als Geheimnis bewahrt,
geht am Abend vor der Hausräumung zu Vrenchen. Gemeinsam wollen
sie den letzten Tag verbringen. Sie wollen tanzen gehen. nd dabei begegnen
sie wieder den Geiger. Der erkennt das Elend der beiden jungen Leute
und bietet ihnen an, dass sie zulünftig gemeinsam mit ihm und seinen
Freunden, herumstreichende Habenichtse beiderlei Geschlechts, die friedlich
zusammenleben und sich helfen zu überleben, zu leben. Aber Sali
und Vrenchen lehnen ab. Nein, so wollen sie nicht leben. - Aber sie
erkennen auch, dass sie in der normalen Gesellschaft niemals gemeinsam
friedlich miteinander leben können. Sie wählen den Tod, um
gemeinsam zusammen zu sein.
Eine sehr schöne, aber auch sehr
tragische Geschichte. Gottfried Keller arbeitet hier ein altes Thema
auf, dass zum Bei- spiel durch Shakespeares "Romeo und Julia"
sehr bekannt war, schneidet es aber auf die Lebensumstände seiner
Zeit zu und verlegt die Geschichte in die schweizer Alpenwelt.
Der
Autor ist ein hervirragender Erzähler. Besonders plastisch schildert
er die Details: Landschaften, Menschen, Situatio- nen. Die Geschichte
ensteht beim Lesen bildlich vor dem geistigen Auge des Lesers. Es ist,
als wenn man direkt dabei ist und zusieht. - Diese Detaildarstellungen
erfolgen zwar textlich sehr umfangreich, aber sie erscheinen dennoch
nicht lang- atmig. Kein Wort scheint dabei zuviel. Einfach schön
zu lesen. Poetisch realistisch.
Keller ist ein herausragender Vertreter
des Realismus. Seine dichterischen Wurzeln liegen aber bereits
im revolutionären Vormärz. Sehr beeindruckt war er von Feuerbach
und befreundet mit Freiliggrath. Und sehr humanistisch sind auch seine
Novellen, wie "Romeo und Julia auf dem Dorfe",
geprägt. Allerdings: Von den einst revolutio- nären Ansätzen
blieben hier nur wenige schemenhafte
Züge.
So ist der Geiger mit seinen Gefolgsleuten ja eher in
einer Kommune organisiert, die sich von der bürgerlichen Gesell-
schaft abgewandt hat und sich selber hilft zu überleben. Eigentlich
die Zukunftsperspektive, wenn das marx'sche Gedan- kengut dazukommen
würde. Die Menschen dieser Gruppe sind gleichgestellt und helfen
sich gegenseitig. Sie wissen: Überleben können sie nur als
Gemeinschaft, wenn einer dem anderen dazu verhilft. - Keller sieht hier
aber anscheinend nicht die Alternative, läßt Sali und Vrenchen
lieber in den Tod gehen. Denn Keller hat auch sonst keine Alternative
parat, wo die beiden glücklich werden könnten. Die bürgerliche
Gesellschaft mit ihrem Wertesystem ist es nämlich offenbar
auch
nicht für den Dichter.
Es ist eine Art Hilflosigkeit zu spüren,
die ich in der Hilflosigkeit des Dichters nach der Revolution
vermute. Die Revolu- tion hatte zwar in der Schweiz zum Teil gesiegt:
dort wurde das Bürgertum zum politischen Machtträger und die
Forde- rungen der Märzrevolution fanden sich weitestgehend in der
neuen Verfassung erfüllt, aber die breiten Volksmassen, blieben
weiterhin von der Macht und vom zunehmenden Wohlstand des Bürgertums
ausgeschlassen. Es gilt hier für den Autor anscheinend nur: Unterwerfung
unter die Normen der bürgerlichen Gesellschaft
oder Tod.
Am Schluss wird zwar dann kurz aufgeführt, wie die
Gesellschaft allgemein den gemeinsamen Freitod hinnahm, aber es bleibt
absolut offen, wie Salis Eltern den Tod aufnahmen, was sie daraus lernten.
Hier wird, meiner Auffassung nach, ein entscheidender Teil übergangen,
denn Manz ist ja einer der Urheber des tragischen Geschehens. Es würden
sich ver- schiedene Möglichkeiten anbieten, wie es da weitergehen
könnte, z.B.: Manz erkennt, was er für Unheil mitangerichtet
hat und kümmert sich fortan um Marti, der ja immer noch in der
staatlichen Anstalt sein Leben fristet. Oder: Er sorgt zumindest für
ein gemeinsames Grab, damit die Liebenden im Tod wenigstens symbolisch
vereint bleiben. Oder: ... - Es gäbe noch manche Möglichkeit.
Positive und negative. Hier finde ich die Novelle unvollständig,
nicht zu Ende gedacht.
Aber dennoch ist es eine sehr lesenswerte
und empfehlenswerte Geschichte.
(23.08.2010)