Über
den Autor
- 1817-1888, deutscher Autor
-
mit 16 erste Gedichte
- studierte Jura in Kiel
- arbeitete stets,
parallel zu seiner schriftstelleri- schen Karriere, als Jurist
Theodor
Storm
Ein Doppelgänger
Novelle
Die
Novelle erschien 1886 erstmals als Fortsetzungsgeschichte und 1887 in
überarbeiteter Form als eigenständige Ge- samtveröffentlichung.
Theodor Storm )1817-1888) zeigt hier, dass er ein durchaus sozialkritischer
Zeitgenosse war. Be- vor ich aber darauf näher eingehe, ein kurzer
Einblick in die Geschichte selber:
Ein Advokat aus einer norddeutschen
Kleinstadt ist auf Urlaub in südlicheren Gefilden. In einem Gasthaus
begegnet er einem Oberförster. Beide kommen ins Gespräch.
Die Stimme und die Sprechweise des Advokaten rufen beim Ober- förster
Erinnerungen wach. Daraufhin lädt er den Advokaten auf ein paar
Tage zu sich und seiner Frau ein. Durch den Wirt erfährt der Urlauber
bereits, dass er offenbar aus derselben Gegend stammt wie des Oberförsters
Frau.
Als er bei seinen Gastgebern einkehrt, stellt sich tatsächlich
heraus, dass beide aus derselben Stadt kommen. Die Frau erzählt,
dass ihr Vater John Hansen gewesen sei. Der Advokat ist verwirrt, denn
er kennt die Familien der Stadt, aber
ein John Hansen, nein, den
kennt er nicht. Im Gespräch mit der Frau erfährt er, dass
ihre Mutter gestorben sei, als sie
drei Jahre war und ihr Vater
als sie acht war. Danach wurde sie von den Eltern ihres Mannes aufgezogen,
die zu jener Zeit dort Urlaub in der Gegend machten und mit dem Schicksal
des jungen Mädchen in Berührung kamen. Eines Abends auf seinen
Zimmer, kommt den Advokaten die Erinnerung: John Hansen war im Ort nur
als John Glückstadt verrufen. Den Namen bekam er, weil er dort
einige Jahre im Zuchtahus verbracht hat, nachdem es bei einem Einbruch,
an dem er beteiligt war, einen Toten gegeben hat und er zu sechs Jahren
Zuchthaus verurteilt wurde. Nach seiner Entlassung kehrte er in die
Stadt zurück und wollte einen Neuanfang machen. Tatsächlich
bekam er auch Abeit, heiratete die Dirne Hanna und bekam eine Tochter
namens Christine. - Christine ist die jetzige Frau des Oberförsters.
- Die Liebe zwischen Hanna und John war eine bsondere. Hanna liebte
den Sex nach Gewalt. So prügelten sie sich und liebten sich. Die
heranwach- sende Tochter bekam dies natürlich mit. Und eines Tages
geschah ein Unglück: bei einer dieser Prügeleien fiel Hanna
gegen den Ofen und verletzte sich. An der Verletzung starb sie. John
war verzweifelt und das dreijährige Kind saß an- bei.
- John zog Christine alleine auf und war ein fürsorglicher und
liebevoller Vater. Aber die Vergangenheit holte ihn ein, immer wieder
holte sie ein, obwohl er sich redlich mühte und immer ein liebervoller
und fürsorglicher Vater blieb. Aber die Gesellschaft hatte ihn
abgestempelt, gebrandmarkt. Er bekam letztlich keine Chance und als
die Not riesig war, bei- de, er und das Kind, nur noch hungrig, wollte
er Kartoffeln vom Acker stehlen. Aber er kippte den Sack noch auf dem
Kartoffelacker wieder aus, brachte es nicht fertig zu stehlen. Auf dem
Heimweg ereilte ihn dann ein tragisches Schicksal, dass ich aber jetzt
nicht näher benenne, um die Spannung für künftige Leser
zu erhalten.
Der Advokat wusste nun, wer der Vater von seiner Gastgeberin
war. Sie erinnerte sich nur an den fürsorglichen und liebevollen
Vater, aber da war in der Erinnerung eben auch dieser Mann, der sich
immer mit ihrer Mutter geprügelt hat. Und sie fragte sich: wer
war dieser Mann? - Der Advokat wusste dies ja nun, aber wie sollte er
damit umgehen?
Abgesehen davon, dass die Geschichte um John Hansen
schon an sich eine spannende Geschichte ist, ist die Novelle auch eine
sozialkritische Betrachtung der Verhältnisse jener Zeit in der
die Geschichte entstand. John hatte eine Straftat begangen, war verurteilt
worden, hat die Strafe abgebüßt. Doch anstatt er nun eine
neue Chance erhält, wird er ausge- grenzt, abgestempelt. Er kann
sich noch so gut er will verhalten, für die anderen im Ort bleibt
er der Zuchthäusler. Die Folge dieser geselschaftlichen Ausgrenzung
sind, trotz aller Bemühungen Johns, Not und Elend im Hause des
inzwischen sehr fleissigen Mannes und liebevollen Vaters. Vom Gesetz
erhielt er sechs Jahre Zuchthaus, von der Gesellschaft le- benslänglich
bis in den Tod. - Theodor Storm bringt dies klar zur Sprache, deutlichst
zur Sprache: Nachdem selbst nach dem Tod von John die üble Nachrede
nicht aufhörte, sagte der Bürgermeister in der Novelle: "...
Nachdem dieser John von Rechtes wegen seine Strafe abgebüßt
hatte, wurde er, wie gebräuchlich, der lieben Mitwelt zur Hetzjagd
überlassen. Und sie hat ihn nun auch zu Tode gehetzt; denn sie
ist ohn Erbarmen. Was ist davon zu sagen? Wenn ich was meinen
soll,
so sollet ihr ihn jetzt in Ruhe lassen, denn er gehört nun einen
anderen Richter."
Die Novelle ist in einer klaren und deutlichen
Sprache gehalten. Dennoch ist sie sehr poetisch. Den Autor gelingt es,
die- sen Facettenreichtum in dieser Novelle zusammen zu bringen. - "Ein
Doppelgänger" ist ein zweifellos lesenswertes Stück deutscher
Literatur.
(16.08.2010)