Über
den Autor
- 1937-1987, deutscher Autor
-
ab 1953 Ausbildung am Lehrerinstitut Neuzelle
- 1963-65 Studium am In-
stitut für Literatur Johan- nes R. Becher in Leipzig
- 1968 freischaffender
Schriftsteller
Hans
Weber
Bin ich
Moses?
Jugend-Roman, Verlag Neues Leben Berlin (DDR)
1976
Zum
ersten Mal las ich das Buch vor fast genau 30 Jahren. Ich bekam es damals
zur Jugendweihe geschenkt. Damals faszinierte mich dieser Roman. Das
Leben darin war mir nicht fremd, waren doch die Probleme des Jugendlichen
Moses sehr verwandt mit dem, was mich beschäftigte. - Nun bin ich
inzwischen 44 Jahre und trotzdem oder vielleicht auch ge- rade deshalb:
das Buch faszinierte mich auch jetzt.
Viele Jahre hatte ich nicht
mehr über den Inhalt dieses Buches nachgedacht, aber als ich es
nun wieder las, da musste ich an so mancher Stelle über mein heutiges
Leben nachdenken. Nachdenken darüber, was von dem geblieben ist,
mit dem man einst ins Erwachsenenleben startete. Damals wollte ich Spuren
in dieser Welt hinterlassen - nun schaute ich in den Sand der Zeit und
nach den Fussabdrücken von mir, die ich da bislang hinterlassen
habe oder glaube hinterlassen zu ha- ben. Und nach der erneuten Lektüre
weiß ich nun auch (wieder), dass ich noch einiges vor mir habe,
denn bei weitem noch nicht alles ist vollbracht von dem, weswegen ich
einst mein Leben antrat.
Der Roman erschien in seiner Erstauflage
1976. Hans Weber (1937-1987) legte damit einen Jugendroman vor, der
seinerzeit sehr erfolgreich war und auch verfilmt wurde. Die Bilder
des Films, obwohl es fast genauso lang her, dass ich ihn sah, liefen
während des Lesens immer wieder vor meinen geistigen Auge ab. Eine
sehr schöne Geschichte um diesen Moses.
Moses, eigentlich Frank Mosmann
ist die Hauptfigur des Romans, der sich in drei Teile untergliedert.
Im ersten ist Mo- ses 13 und er wird langsam erwachsen. Er ist voller
Phantasie, gestaltet sich seine Welt, als wäre es ein Film, in
dem er lebt. Und er fragt sich: Wer bin ich? Bin ich Moses? Moses der
Schiffsjunge, wie der auf dem Dampfer nach Virginia oder gar der Moses
der Bibel? - Immer wieder versinkt er in seine Gedanke und philosophiert
sozusagen drauflos. Und dabei kommt ihn so manche Erkenntnis, während
er auf der Suche nach dem "wahren Leben" ist.
Schrittweise
reift bei ihm die Erkenntnis, dass das Leben kein Film ist, keine heile Traumwelt,
wie in so manchen Streifen. Hautnah bekommt er mit, wie die Familie,
die er für eine gute hielt, zerbricht. Sein Bruder, fünf Jahre
älter, zieht aus, als er achtzehn wird - will sein eigenes
Leben leben. Die Eltern haben sich in all den Jahren auseinander gelebt
und trennen sich. Und dann ist da noch Dinah, die Tochter der Nachbarn,
in die sich Moses verliebt und die er verlassen muss, weil
er mit seiner
Mutter aus der gemeinsamen Wohnung auszieht.
Im Mittelteil ist Moses
dann 15, steht kurz vorm Abschluss der 10. Klasse. Die Eltern sind inzwischen
geschieden und Moses lebt mit seiner Mutter in einer Neubauwohnung.
Gedanklich kommt er aber von Dinah nicht los. Er geht zurück
in
die alte Gegend, aber das Haus ist inzwischen abgerissen. Ein Neubaugebiet
ist dort im Entstehen. Er fühlt sich verlo- ren, seine Vergangenheit
ist plötzlich weg. Was er liebt: weg. Und keiner kann ihm sagen,
was aus seiner Dinah gewor- den ist.
Während der Feier zum
50. Geburtstag des Künstlers Timm Brock, mit dem einst die Mutter
in ihrer Jugend befreundet war, sieht er im Atelier ein unfertiges Bild,
dass er eingehend betrachtet: "Seltsamerweise kam es mir nie so
vor, als wäre das Bild im Entstehen, im Gegenteil, mir
war, als zöge es sich zurück, als nähme es jemand Pinselstrich
für Pinselstrich von der Leinwand - so, wie man die Bilder der
Kindheit langsam vergißt." - Er merkt: Seine Kindheit geht
zu Ende. Aber was wird das Leben bringen, dieses "wahre Leben".
Welche Spuren wird er, der von Robert Koch begeistert ist, einst hinterlassen?
Wo ist sein Platz im Leben?
Im Abschlussteil geht seine Sinnsuche
weiter. Nach der Schule beginnt er nun eine Baufacharbeiterlehre. Er
baut Häuser. Er erschafft, damit andere Menschen ein schönes
Zuhause bekommen. Er ist eigentlich stolz auf sich. Sein Bruder Jost
arbeitet inzwischen an seiner Dissertation, einer Arbeit über Literaturkritik
und die Bedeutung selbiger auf das Werk Theodor Fontanes. Eine völlig
andere Welt, denn sein Bruder Jost schafft geistig. Und Jost fragt Moses,
wann er denn nun anfange endlich zu arbeiten. Moses ist erstaunt, er
arbeitet doch. Und das hart. Für seinen Bruder ist das keine Arbeit.
Wertvorstellungen prallen aufeinander und immer größer wird
die Distanz zwischen den Brüdern. - Mutter und Vater versöhnen
sich aber wieder. Auch hier fragt sich Moses, wie er das bewerten soll:
ist die Mutter nur inkonsequent, weil sie den Mann, der sie betrogen
hat, wieder aufnimmt oder ist sie konsequent, konsequent in ihrer Liebe
zu dem Mann, trotz er sie betrogen hat? Es bleibt ihm noch ein Rätsel.
- Aber auch bei ihm passiert etwas in Liebesdingen: er begegnet Dinah
wieder, seine große Liebe. Sie inzwischen in der 9. Klasse und
wirkt auf ihm wie eine Schauspielerin,
die nur noch eine Rolle spielt,
die sich selbst verleugnet, um den anderen Altersgenossen zu gefallen.
Er ist enttäuscht, glaubt sie endgültig verloren. Aber er
beschließt, sich mit ihr auszusprechen. --- Was dabei herauskam
bleibt offen.
Offen bleibt so manches - logisch, denn ein 17-jähriger
ist natürlich noch kein fertiger Mensch, wenn es sowas wie einen
fertigen Menschen überhaupt gibt. Aber er ist auf dem Wege und
er erkennt: Ich bin nicht Moses - weder der Schiffs- junge noch der
aus der Bibel. Er sit Frank Mosmann, genannt Moses.
Diese sehr schöne
Geschichte hat Hans Weber in einem sehr unterhltsamen Stil geschrieben,
bei dem ich auch heutzutage beim Wiederlesen schmunzeln musste.
Es
ist ein Jugendroman, aber eben einer aus der DDR. Die Darstellungen
sind sehr realistisch, was die Lebensweise betrifft. Ob es aber für
heutige Jugendliche als Lektüre geeignet ist, ist eine schwierige
Frage. Natürlich ist es auf die Wertvorstellungen ausgerichtet,
die man jungen Menschen fördern wollte damals. Mir haben diese
Wertvorstellungen nicht geschadet und sie haben mich in meinem Leben
bis heute begleitet. Von daher ist es schon auch für junge Men-
schen und natürlich auch für Erwachsene heutzutage durchaus
lesenswert. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass ei- nige
Stellen unverständlich erscheinen könnten, da wir heute in
einer völlig anderen Gesellschaft leben als unser Moses und ich
damals. Andererseits: vielleicht wäre es auch gerade deshalb wieder
interessant!?
(22.08.2010,
Korrekturen: 31.03.2011)